Die letzte Woche war eine der schwierigsten Wochen meines Lebens. Der lustige, freche, charmante, starrsinnige, kuschlige kleine Hund, der mich fast auf den Tag genau 15 Jahre begleitet hat, ist vorgestern für immer eingeschlafen. Was bleibt ist eine tiefe Dankbarkeit für die geteilten Jahre und eine tiefe Traurigkeit, dass unsere gemeinsame Zeit zu Ende ist.

Eigentlich halte ich mich nicht für besonders sentimental. Als hundeverrückt würde ich mich eigentlich auch nicht beschreiben, auch wenn da wahrscheinlich einige in meinem Umfeld widersprechen würden. Und auch wenn ich bis vor ein paar Tagen mit drei davon zusammengelebt habe, was für viele eine unnötig hohe Zahl sein mag. Ich finde es einfach nur toll, dass es sie gibt, aber deswegen verrückt? Ich bin Biologin, dafür bin ich viel zu sehr Wissenschaftlerin.

Aber wenn ich so über den extrovertierten kleinen Dickschädel nachdenke, bin ich es wohl doch. Ob es einen Himmel gibt, weiß ich nicht. Aber wenn es ihn gibt, dürfen Hunde sicher auch hin. Und ich stelle mir gerne vor, dass Snickers den Laden jetzt aufmischt.

Für manche Menschen war er einfach ein kleiner schwarzer Mischling, oder noch schlimmer „nur ein Hund“. Aber für seine Freunde war er etwas Besonderes.

Würde man ihn mit anderen Tieren vergleichen, wäre es nicht ganz einfach. Beim Vergleich mit einem starrsinnigen Esel würde man dem Esel vielleicht Unrecht tun. Auch ein Löwenherz hatte er nicht, sondern eher das eines Blauwals -mindestens. Seine Neugier hat locker an jedes Äffchen rangereicht.

Vom Energielevel konnte er mit einem Duracellhäschen mithalten, wenn nicht sogar einem radioaktivem Flummi.

Er war für mich den Großteil meines erwachsenen Lebens ein tolles Familienmitglied und ein großes Vorbild in Sachen Lebensfreude und Kreativität, gelegentlich auch eine echte Nervensäge, wenn wir mal nicht einer Meinung waren. Ich würde mich nicht wundern, wenn er als Welpe in einen Topf mit einem magischem Trunk aus Lebensfreude, positiver Energie und Kreativität gefallen wäre. Ich hätte gerne mitgebadet.

Aber leider habe ich ihn erst kennengelernt, als er im Tierheim als bellender, quirliger Wirbelwind ankam. Über seine Vergangenheit weiß ich nicht viel. Gesagt wurde mir, dass er einem Obdachlosen auf den Straßen Polens geschenkt wurde und vor allem durch Dauergekläff aufgefallen ist, womit er protestieren wollte, als er angebunden wurde, damit er nicht ständig auf die Straße rennt. Von einer Tierschützerin, die ihn nicht behalten konnte, wurde er dort weggeholt, machte sich auf der Pflegestelle unbeliebt, weil er die Fensterrahmen als Hindernis seiner Freiheit gesehen und dementsprechend bekämpft hat, und kam dann in vollster Pubertät ins Franziskustierheim, wo ich damals ehrenamtlich Gassi gegangen bin und Hunde fotografiert habe, die vermittelt werden sollten.

Trotz aller Widrigkeiten über die Jahre hat er es geschafft, am Leben zu bleiben bis er über 16 war. Auf dem Weg war er für viele meiner Falten ( sowohl Sorgen- als auch Freuden-) und die meisten meiner grauen Haare verantwortlich. Grundsätzlich war er zwar nach einer Weile eigentlich gut erzogen und hat auf Kommandos teilweise außerordentlich gut reagiert bis er taub wurde, seine Begleithundeprüfung problemlos bestanden und sich auch für Tricks jeglicher Art sehr begeistert, aber er hatte eben auch viele eigene Ideen. Zusammen waren wir ein hoffentlich sympathisches, aber bisweilen durchaus chaotisches Team. Da ich das große Glück hatte, als Selbstständige sehr viel mit ihm umherreisen und unternehmen zu können und auch Freunde und Familie sehr gerne mit ihm unterwegs waren, wenn ich im Ausland war, hatte er sehr viele Möglichkeiten seine tollen Ideen auszuprobieren und weiterzuentwickeln. Ich habe mir in den letzten Tagen Gedanken darüber gemacht, was er wohl als seine bemerkenswertesten Taten auflisten würde, wenn er sich solche Gedanken gemacht hätte: (An dieser Stelle möchte ich zu meiner persönlichen Entlastung und Einhaltung der Sorgfaltspflicht sagen, dass mir solche Sachen mit meinen anderen Hunden für gewöhnlich nicht passieren… und bei seinen Aktionen auch niemand ernsthaft zu Schaden gekommen ist). Hier sind einige der „Highlights“:

  • Im Hamburger Rugby Club erfolgreich den Ball geklaut und durch strategisches Haken schlagen einem ganzen Rugbyteam entkommen. Zum Glück nur beim Training.
  • Mir im Englischen Garten in München vorgegaukelt, dass er keinerlei Interesse an einem Riesenschwarm Gänsen hatte, nur um hinter meinem Rücken eine schnelle Kehrtwende zu machen und bellend und hüfend durch sie hindurchzutoben (ohne sie wirklich zu fangen zu versuchen) und uns damit sehr unvorteilhaft in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Nach erfolgreicher Vergrämung kam er schwanzwedelnd und sehr zufrieden aussehend zurück
  • Mich mit seiner recht fordernden Art beim Agility so erfolgreich anzutreiben, dass ich schnell genug gelaufen bin, um ein paar Pokale zu gewinnen
  • Beim Agility auch mal den Rekord für abgeworfene Stangen zu erreichen, weil es ihm eigentlich schlichtweg egal war, ob sie liegenbleiben oder ihm um die Ohren fliegen und er keine Zeit hatte sich um derlei Angelegenheiten zu kümmern
  • Beim ZOS durch allerhöchste Motivation, Geschwindigkeit und Lautstärke bei allerniedrigster Konzentration aufzufallen
  • Beim Surfcamp in Frankreich (für Menschen) und am Meer generell auf gar keinen Fall im Meer schwimmen zu wollen und eigentlich auch nicht einsehen, dass andere das irgendwie gut finden, aber sehr gerne aufs Surfbrett klettern
  • Beim Wandern immer der Erste zu sein. Naja, eigentlich überall
  • Aus der vermeintlichen Sicherheit des Kajaks Schwäne anpöbeln (keine gute Idee)
  • Beim Kanufahren mit 16 Jahren noch versuchen das Nachbarkanu zu entern, weil die da viel schneller paddeln und seine Anfeuerungeversuche beim eigenen Team nicht so erfolgreich waren. Blöderweise haben die Steuermänner seinen Wunsch auf gleichbleibende Entfernung nicht berücksichtigt, schwimmen wollte er ja eigentlich nicht.
  • Beim Tricktraining bis zuletzt sehr erfolgreich Leckerlies abgestaubt zu haben. Tatsächlich fraß er in seinen letzten Tagen hauptsächlich noch dann, wenn vorher sein Lieblingstrick „gib laut“ abgefragt wurde und er dementsprechend guter Laune war.
  • So viel zu bellen als er zuhause alleine war, dass die Nachbarn besorgt genug um unser Wohlergehen waren, um die Polizei zu rufen, damit sie die Tür aufbricht um nachzuschauen. Nur war Snickers gar nicht alleine, meine Mitbewohnerin hatte nur sehr effektive schalldichte Kopfhörer und war im anderen Zimmer. Das fand er nicht nett. Also hat er sich darum gekümmert, dass sich das ändert.
  • Tatsächlich hat er gar nicht so viel gebellt, wie es euch jetzt vielleicht vorkommt. Das wäre ziemlich stressig gewesen…
  • Sich ein anderes Mal eine Mitfahrgelegenheit bei der Polizei besorgt, nachdem er beschlossen hatte, dass der Zaun einer Freundin für ihn grundsätzlich irrelevant war und er sich gerne die Nachbarschaft genauer angucken wollte
  • Mit Cookie beim Galloptraining der Poloponies mitzurasen. Das war allerdings auch erlaubt
  • Karotten die meiste Zeit zu verweigern, außer die Pferde bekommen sie angeboten. Dann wollte er sie selbstverständlich dringend haben
  • Bei unserem Planwagenurlaub auf dem Kutschbock zu sitzen und sich die Nase um den Wind wehen lassen. Hoch hinaus wollte er schon immer
  • Immer frei zu entscheiden, wofür er sich begeistert hat. Bei einem seiner Geburtstage hatte ich ihm ein ganz besonders teures Biosteak aus Freilandhaltung gekauft. Er beschnüffelte es, drehte sich um und wandte sich begeistert den Hasenkötteln auf der Wiese zu. Cookie folgte seinem Beispiel wie so oft..
  • An meinem 28. Geburtstag schaffte er es vor den Augen des Grillmeisters nicht nur 1, sondern 4 Würstchen direkt vom Rost zu klauen
  • Sich mit den Katzen unseres Haushalts erfolgreich zu verbünden und fremde Katzen erfolgreich fernzuhalten
  • Beim Hunderennen beim Hundefestival am Ammersee, bei dem er im Jahr vorher einen Futtersack gewonnen hatte, im nächsten Jahr seinen zwei kleinen Freundinnen zu entkommen und lieber über die Ziellinie hinaus direkt zum Leckerliestand zu rennen, wonach sie weinend bei mir am Stand auftauchten, weil sie Angst hatten, dass er weggelaufen ist
  • Während eines Auftritts ungeplant bei meinem Bruder auf die Varietébühne zu marschieren, nachdem dieser ihn im Backstagebereich einem Kollegen anvertraut hatte. Rampenlicht war ihm lieber.
  • Entgegen jeder Wahrscheinlichkeit zehnjährig eine Not-Op seiner Bandscheibe überstanden, nachdem er von Kopf bis Rute gelähmt war
  • Nach besagter OP entgegen aller Wahrscheinlichkeit jeglichem Darmentleerungsmittel so lange widerstanden, bis er zum ersten Mal in den Garten getragen wurde und sein Geschäft ordentlich verrichten konnte
  • Eine seiner liebsten Freundinnen nach der OP dazu zu bringen in der Klinik mit ihm in der Hundebox zu schlafen (oder eher nicht zu schlafen) damit er nicht alleine ist
  • Mit Hilfe seiner allerliebsten Hundephysios nicht nur überhaupt wieder laufen und rennen zu lernen, sondern 2 Jahre später mit 12 Jahren auch noch problemlos 30 km am Tag zu wandern (na gut, am nächsten Tag war er etwas weniger energiegeladen als im Durchschnitt)
  • Sich immer gut um alle Neuzugänge in der Familie zu kümmern und auch sie auf möglichst viele dumme Gedanken zu bringen. Zuletzt seinen Kumpel Taco, der zu seiner großen Ernüchterung viel zu brav ist.
  • Problemlos seine Futterschüssel zu teilen, egal wer ankam. Außer natürlich die Pferde.
  • Mit zwölf noch eine großflächige Hauttransplantation im Gesicht zu überstehen,
  • Trotz aller gesundheitlichen Probleme bis zuletzt begeistert in jede Tierarztpraxis zu stürmen und dann enttäuscht zu sein, wenn keine Physio auf dem Programm stand
  • Stürmen war überhaupt eine große Stärke von ihm
  • Allerdings auch Kuscheln. Er war der einzige, der einen demenzkranken Familienangehörigen beruhigen konnte, in dem aufs Bett gesprungen und sich stundenlang nicht mehr bewegt hat. Überhaupt hat er es auf eine sehr große Anzahl an Couches und Betten geschafft, die eigentlich nicht für Hunde vorgesehen waren. Und die ich auch bei weitem nicht alle geteilt habe 😉
  • Im Altersheim Snacks abzustauben war definitiv auch eine seiner Stärken, das hätte er bestimmt auch gerne sehr viel öfter gemacht, als ich es ihm ermöglicht habe
  • Seine allergrößte Leistung war, dass er nicht nur selber viele Freunde gefunden hat, sondern wohl auch für einige meiner wichtigsten Freundschaften verantwortlich ist.
  • Seine allerbeste Freundin Maike hat er sowieso so ziemlich zu allem gebracht, was er sich gewünscht hat. 1000 km fahren um ihm für einen Urlaub abzuholen, war kein besonders großes Hindernis. Für ihn durch einen brennenden Reifen zu springen wäre sicher auch problemlos möglich gewesen. Ihm wurde dort alles verziehen, Hauptsache er hatte Spaß.
  • Es zu schaffen, dass er seine letzte Woche an seinem allerliebsten Ort an der Nordsee mit seinen allerliebsten Menschen und Hunden verbracht hat. Dabei ausschließlich Köstlichkeiten seiner Wahl zu fressen, auch wenn er sich täglich umentschieden hat, worum es sich dabei handelt und dass die allerliebste Köstlichkeit von gestern heute völlig inakzeptabel ist, nachdem sie in größeren Mengen nachgekauft wurden
  • Das er am allerletzten Tag dank vieler Medikamente gut gedopt und immer noch fröhlich war und der Tierarzt genau dann zu ihm ans Körbchen kam, als die Energie schwand und das Atmen so schwer wurde, so dass auch die besten Medikamente ihm nicht mehr helfen konnten

Wenn ich als Mensch es schaffe, auch nur ansatzweise so viel Freude und gute Laune zu verbreiten wie dieser kleine Mischling, kann ich sehr zufrieden sein. Ich bedanke mich bei den vielen tollen Menschen, die ihn und mich die letzten 15 Jahren begleitet haben, uns in den größten Krisen zur Seite standen und den größten Quatsch mitgemacht haben.